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1954: Ansprache des Vorsitzenden



Prinz Ludwig von Hessen und bei Rhein

Geboren am 20. November 1908 in Darmstadt; gestorben am 30. Mai 1968 in Frankfurt am Main, war er der jüngere Sohn des letzten regierenden Großherzogs Ernst-Ludwig.




Ansprache des Vorsitzenden, des Prinzen Ludwig von Hessen und bei Rhein, gehalten bei einem Abendempfang in Schloß Wolfsgarten anläßlich der zweiten Sonderschau formschöner Industrieerzeugnisse auf der Frankfurter Herbstmesse 1954


Meine Damen und Herren!

Ihnen wird vielleicht auf der Einladung etwas, das wie ein Zwiespalt aussehen könnte, aufgefallen sein. Da lädt ein Prinz, als Vorsitzender eines Instituts für Neue Technische Form, ein. Prinzen sind üblicherweise Vorsitzende konservativer klingender Vereinigungen, und unserem Institut sollte wohl eigentlich zum mindesten ein Dr.-Ing., wenn nicht gar ein Dr. h. c. vorstehen.

Denselben vermeintlichen Widerspruch, der in der Einladung lag, werden Sie auch hier in diesen Räumen schon beim Betreten empfunden haben. Es scheint geradezu paradox, in diesem Zimmer von neuer technischer Form zu sprechen. Paradoxe sind (obwohl meist irgendwo zu verführerisch) oft zum Denken anregend, und so möchte ich Sie bitten, mit mir einen Augenblick bei diesem, dem Paradox von heute abend, zu verweilen.



In diesen Räumen, in denen ich Ihnen von neuen Bestrebungen erzählen will, sind eigentlich nur Sachen, die der verfeinerten Handwerkskultur des 18. Jahrhunderts angehören. Ich bin mit diesen Sachen so sehr aufgewachsen, daß es Jahrzehnte dauerte, bis ich bemerkte, daß sie eine Zeit, einen Zeitgeist wesenhaft Verkörperten, der längst Geschichte wurde. Später entdeckte ich, daß Kenntnis von und Liebe zur Kultur unserer Vorfahren ohne weiteres ganz direkt unruhig macht. Sie gebiert Hoffnung und, Sorge, daß auch unsere Zeit ein echtes Gesicht, eine klare Linie finde, an der sich die Erben einmal (mit Abstrichen und Zutaten, wie sie bei jeder Überlieferung geschehen), Besinnung und Erbauung holen könnten; für mich bedeutet die selbstverständliche Kenntnis alter Dinge einen Wertmaßstab.

So kommt das Paradox zustande, daß für den Empfänglichen eine schöne alte Umgebung, wie diese, zum eigentlichen Ansporn wird, auf ein Zukünftiges zu drängen. Der Sinn für Geschichte macht nur subalterne Geister reaktionär. Der echte Historiker, d. h. der Mann, der das Leben der Vergangenheit liebt, kann nur Neues erhoffen, das, seinen eigenen neuen Gesetzen folgend, die Wahrheit ewiger Gesetze bestätigt.

Aber unser Paradox kann aus den allgemeinen Betrachtungen, die unerläutert immer wie Phrasen klingen, in speziellere Gebiete führen. Fast alles, was Sie hier sehen, sind von Handwerkern gemachte Sachen, echte Handwerkskultur. Der letzte Höhepunkt dieser Kultur liegt günstigstenfalls (ich denke ans späte Biedermeier) hundert Jahre zurück. Eine Aufgabe unserer Zeit liegt, wie mein Vater und seine Freunde schon vor 50 Jahren erkannten, darin, die alte Handwerkskultur durch eine echte Industrie-Kultur (nicht nur Zivilisation) abzulösen; wenn auch hoffentlich das gute Handwerk daneben seinen Platz behaupten wird.

Gerade beim Vergleich von Möbeln und Geräten aus alter Zeit mit unseren Industrieprodukten wird einem klar, daß bisher der technische Fortschritt einen großen Verlust am eigentlichen Wesen der Dinge mit sich gebracht hat. Dieser Verlust brauchte nicht so groß zu sein. Er liegt meiner Ansicht nach im rein merkantilen Stadium der Anfänge des industriellen Zeitalters, das heute noch nicht überall überwunden ist.

Bei jedem Vergleich aber, den man zwischen Produkten der Handwerkswelt und heutigen Industrieprodukten anstellt, spürt man, daß die alten Qualitätsbegriffe auf das Neue nicht immer anwendbar sind. Das alte Handwerksprodukt muß, wie jeder anständige Gegenstand, auch heute noch, materialgerecht und funktionsgerecht sein. Darüber hinaus hat das alte Ding eine eigene Schönheit, ein eigenes individuelles Wesen. Das neue industriell erzeugte Ding ist durch seine Herstellung nie einzig, sondern beliebig oft wiederholbar. Es hat kein individuelles, sondern ein Massenwesen oder -dasein. Dieser Unterschied läßt sich durch nichts vertuschen, er ist echt. Meine Augen sagen mir aber: der Mercedes 300 L ist schön — die Olivetti-Schreibmaschine ist schön usw. Sollen wir uns an der Wiederholbarkeit stoßen?

Nein — der einzige Punkt, an dem unsere industrielle Kultur der Handwerkskultur noch oft unterlegen ist, ist der, daß heute ein guter Geist (oder die Schönheit?) unseren Industrieprodukten oft fehlt, den selbst die biedersten kleinen Handwerker des 18. Jahrhunderts irgendwie verkörperten. Daß dies so ist, liegt daran, daß noch vom 19. Jahrhundert her der merkantile Gesichtspunkt manchmal überbetont wird. Die Industrie hatte und hat auch heute noch mancherorts zu wenig kulturelles Gewissen.
Nur eine Katastrophe könnte uns aus unserer heutigen Welt wieder zurück in das Zeitalter des Handwerks versetzen. Dagegen droht die Katastrophe der seelenlosen Vermassung in der übermächtigen Staatsmaschinerie und ihren Bienenhäusern. Die Technik und die aus ihr geborene Industrie ist unser Schicksal. Dieses Schicksal wäre nicht gar so schlimm, wenn die Industrie erkennen würde, daß jedes Gut, (das Wort allein sollte eigentlich verpflichten), daß jedes Gut, das sie erzeugt, das Leben der Abnehmer mitbestimmt. Daß also ein Industrieprodukt einfach nicht gut genug sein kann.

Wann ist aber ein Industrieprodukt gut? Meine private Definition lautet so:

1. Materialgerecht
2. Funktionsgerecht
3. Preiswert
4. Schön

(Ich weiß, daß man heute lieber formschön sagt, kapiere aber den Unterschied nicht ganz und bleibe so bei schön.)

Ich habe beobachtet, daß die Begriffe Material und Funktion als einzige Qualitätskriterien nur auf Dinge zutreffen, die der täglichen Umgebung des Menschen ein wenig entrückt sind. Auch unsere neue, technisch bestimmte Welt braucht darüber hinaus das unangenehm irrationale Kriterium des Schönen (sicherlich für alle Gebrauchsgegenstände). Und wenn wir dies wieder fühlen, geraten wir ganz von selber in die Nähe der alten Handwerkskultur.

Als grundlegender Unterschied bleibt, daß das alte Handwerksprodukt praktisch einmalig ist, das Industrieprodukt seinem Wesen nach beliebig wiederholbar.
Dagegen ist aber gerade das Handwerksprodukt weniger eng zeitgebunden als das Industrieprodukt, das eigentlich neu sein muß, um gut zu sein. So befinden wir uns in der Gefahr, statt einen Stil zu entwickeln, in Moden zu verfallen. Der immer wieder neu zu erobernde Umsatz ist hierfür vor allem mit verantwortlich. Die Schwerfälligkeit unserer menschlichen Natur und der Mangel an Investitionskapital möge uns hier vor dem Schlimmsten behüten.

Das klingt wie eine kategorische Verdammung der Mode. Nichts liegt mir ferner, denn ich glaube, daß alle sog. Stile einmal Moden waren und der Gedanke, daß man den allein richtigen Stuhl, gewissermaßen die platonische Idee eines Stuhles, finden — nicht erfinden könnte, erscheint mir schon deshalb verfehlt, weil auf diesem endgültig richtigen Stuhl nur ein endgültig richtiger Mensch sitzen könnte.

Morgensterns Aesthet sagte schon:
»Wenn ich sitze, will ich nicht sitzen, wie mein Sitzfleisch möchte, sondern wie mein Sitzgeist sich, säße er, den Stuhl sich flöchte.« Und die Aufgabe der Stuhlfabrikanten besteht, meiner Ansicht nach, darin, dem Sitzgeist sowohl als auch dem Sitzfleisch zu dienen. Ich bin von unserem Paradox »Alte Umgebung — Neue technische Form« scheinbar weit abgekommen. In Wirklichkeit aber hoffe ich ein wenig, wenn auch vielleicht verworren, angedeutet zu haben, was uns, d. h. meine Freunde vom Institut für Neue Technische Form und mich bewegt.

Ich darf, ehe ich Ihnen von unserer Tätigkeit und unseren Hoffnungen und Plänen berichte, kurz zusammenfassen: Wir leben im Zeitalter der Massen, wir hoffen aber, daß die Intelligenz und das Schönheitsgefühl bester Einzelner gerade durch die industrielle Massenproduktion dieser Masse zugänglich wird. Für dieses Ziel möchten wir wirken. Wir sehen die eminent wichtige Aufgabe jeder Industrie darin: Bestes zu bieten (und das geht nur unter Hinzuziehung wirklicher Denker und Künstler) und vielerlei zu bieten (das erlaubt dem' Käufer noch ein Minimum von Originalität durch die große Auswahl).

Wir hoffen, daß die Industrie und die Öffentliche Hand (als größter Auftraggeber) erkennen, daß sie eine ungeheure Verantwortung tragen, nämlich die Verantwortung, wie die nächsten hundert Jahre, die ja mit jedem Tage neu beginnen, aussehen werden. Wenn im 18. Jahrhundert ein kleiner Schreiner etwas schlecht machte, schadete das wenig. Wenn der Entwerfer einer Möbelgarnitur heute ein unehrlicher Mann ist, kriegen ein paar Tausend Leute Schund ins Haus.

Es kommt auf Entwerfer, Produzenten und Käufer an, die Brücke zu schlagen vom Zeitalter des gottbegnadeten Handwerks zum Zeitalter nicht der dämonischen, sondern einer gottbegnadeten Technik. Ich hoffe, daß Sie, meine Damen und Herren, dieser »Denkversuch« (Plagiat von Heidegger) über das Paradox dieser Einladung nicht gelangweilt hat. In ihm ist viel vom Wollen unseres Instituts für Neue Technische Form enthalten. Sie wie ich wissen, daß keiner der hier leicht skizzierten Gedanken originell ist, und Sie wie mich interessiert eigentlich hauptsächlich die praktische Form, in der sich diese Gedanken manifestieren könnten.

Außerhalb der eigentlichen Ausstellungstätigkeit, die erst einsetzen konnte, nachdem im Spätherbst 1953 die Räume im Messehaus durch Freundlichkeit des Rats für Formgebung und des hessischen Staates zur Verfügung standen, wurden sowohl der Vorsitzende als auch der Geschäftsführer, Herr Gotthold Schneider, wiederholt um die Mitarbeit bei den Vorarbeiten und der Durchführung der ersten und zweiten Sonderschau für formschöne Industrie-Erzeugnisse während der beiden Hannoverschen Frühjahrsmessen gebeten.

Eine erste sichtbare Arbeit bestand in der indirekten und direkten Mitarbeit an dem Zustandekommen der Internationalen Tapeten- Ausstellung 1953. Diese war zuerst an anderem Orte geplant, Der Verband Deutscher Tapetenfabrikanten konnte aber davon über zeugt werden, daß am Orte der Durchführung des ersten großen Tapeten-Wettbewerbs auch die Internationale Tapeten-Ausstellung veranstaltet werden müßte.

Bereits im August 1953 begannen die Vorarbeiten für die im Januar 1954 eröffnete Kunststoff-Schau. Es wurden im Laufe der Zeit ca. 1500 Kunststoff verarbeitende Fabrikanten angeschrieben. Auf Grund dieser Briefe meldeten sich natürlich nur solche Firmen, die an Hand der von uns angegebenen Richtlinien annahmen, Gegenstände zu erzeugen, die von uns als formschön ausgewählt werden würden. Von diesen etwa 400 Fabriken, mit denen korrespondiert wurde, blieben als Aussteller etwa 120 übrig. Die Ausstellung wurde zu einem Erfolg. Noch heute senden uns Firmen ihre neuesten Produkte, noch heute erhalten wir Anfragen aus aller Welt. Presse und Rundfunk berichteten ausführlich über die von uns getroffene Auswahl. Das Fernseh-Studio Frankfurt brachte ein — zuerst auf acht Minuten angesetztes — dann auf 22 Minuten ausgedehntes Programm.

Als nächste geschlossene kleine Schau in unseren Räumen ist eine Steingut- und Steinzeug-Ausstellung geplant. Auf eine Anfrage des hessischen Finanzministers Dr. Tröger wegen einer Sonderschau formschöner Industrie-Erzeugnisse auf der Frankfurter Messe empfahl der Präsident des Rates für Formgebung, eine solche Schau von unserem Institut durchführen zu lassen. Der Erfolg der ersten Sonderschau auf der Frühjahrsmesse 1954 veranlaßte den Aufsichtsrat der Frankfurter Messeleitung, uns auch während der diesjährigen Herbstmesse mit der Durchführung einer gleichen Veranstaltung zu beauftragen. Die Gestaltung der Ausstellung liegt in den Händen des Architekten Günter Hennig, der auch unsere früheren Ausstellungen gestaltete.


In dieser Sonderschau von Beispielen formschöner Industrieprodukte werden Erzeugnisse von Firmen gezeigt, die, sowieso an der Frankfurter Messe vertreten, sich zur Beteiligung angemeldet haben. Ein Gremium von unserer Ansicht nach repräsentativen Gutachtern, die zum Teil dem Rat für Formgebung angehören, hat die Stücke aus dem Angebot ausgewählt. Die Ausstellung in dieser Sonderschau ist keine Prämiierung, sondern soll nur dem Besucher ein leider noch einseitiges Bild von Beispielen guter Industrieprodukte, die auf der Frankfurter Messe sowieso vertreten sind, bieten. Unser immer wieder ausgesprochener Wunsch ist der, daß von Messe zu Messe mehr Firmen aufgenommen werden sollen und — auch aufgenommen werden können. Die Ausstellung kann am besten das zeigen, worüber ich heute abend so viele Worte machen muß. Sie alle sind herzlich eingeladen, sie zu besichtigen.

Wenn das Institut für Neue Technische Form seiner satzungsgemäßen Aufgabe, der Errichtung einer ständig auf neuesten Stand ergänzten Dauerschau guter Industrie-Erzeugnisse, gerecht werden will, braucht es dazu eigene Räume. Für diese Räume ist ein Neubau erforderlich, der Geld kostet, das wir nicht haben. In absehbarer Zeit muß die große Bettelei darum anfangen, von der ich Sie, meine Damen und Herren, heute noch verschonen möchte. (Ihre Namen sind aber hoffnungsvoll vorgemerkt.)
Sie wissen wohl alle, daß ein ähnlich gerichtetes Unternehmen für die Villa Hügel in Essen in jüngster Zeit gegründet wurde. Sie wissen vielleicht nicht, daß schon seit Jahren die Neue Sammlung in München und das Stuttgarter Landesgewerbeamt solche Ziele verfolgen.

Diese Tatsachen entmutigen uns durchaus nicht, denn wir glauben, gerade durch unsere bisher und auf weiteres bestehende räumliche Begrenzung im Hause des Rats für Formgebung am wenigsten der Gefahr der musealen Verkalkung ausgesetzt zu sein, und begrüßen, schon des gemeinsamen Zieles wegen, jede gleichlaufende Bestrebung. Darüber hinaus können wir besonders gut an Ort und Stelle die Bestrebungen des Rats für Formgebung auf einem Teilgebiet unterstützen und demonstrieren. Hierbei sind wir auch ganz besonders für die tatkräftige Mitarbeit der Stadt Darmstadt dankbar.

Nun habe ich mich, meine Damen und Herren, weit von meinem paradoxen Ausgangspunkt entfernt. Ich glaubte aber Ihnen und mir eine Rechenschaft über die Bestrebungen des Instituts, dessen Vorsitzender ich bin, schuldig zu sein. Zuerst wollte ich Ihnen sagen, wie wir die Dinge sehen. Dann wollte ich Ihnen summarisch darüber berichten, was bisher getan wurde.

Ich versichere Ihnen, daß wir mit großer Zähigkeit unserem Ziel, der Humanisierung des Industrieproduktes, nachgehen, und wir bitten auch um Ihr Verständnis für dieses Ziel, dessen Erreichung ein wirklicher Beitrag zur Veredelung des Massenzeitalters sein würde.