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Olla Magnus

Ausstellung Briefe von Joseph Maria Olbrich Collagen von Olla Magnus Installation Hommage an meine Familie
04. Februar bis 15. Februar 2010
Olla
Magnus, die Enkelin des Gestalters Joseph Maria Olbrich (1867 bis
1908), stellt im Institut für Neue Technische Form (INTEF) bislang
unveröffentlichte Briefe ihres Großvaters an seine Gattin Claire sowie
eigene Collagen als Hommage an meine Familie vor. Die Schriftstücke und Arbeiten sind ausgestellt und
werden großflächig projiziert.
Olla
Magnus, die in Braunschweig zur Welt kam und in Darmstadt zur Schule
ging, lebt als freie Künstlerin in München. Sie studierte bei dem
renommierten Zeichner Professor Hans Hillmann Grafik-Design und
Illustration an der Staatlichen Werkakademie in Kassel, wo sie auch
ihren späteren Mann Günter Hugo Magnus (1933 bis 1987), kennen lernte.
G. H. Magnus - der Nachname ersetzte auch im Freundeskreis den Vornamen
- unterrichtete Grafikdesign an der heutigen Hochschule für Gestaltung
auf der Mathildenhöhe.
Olla Magnus arbeitete auf der
Weltausstellung in Montreal an der Gestaltung des deutschen Pavillons
mit. In der Vergangenheit entwarf sie Inserts für Sendungen des
Saarländischen Fernsehens, zahlreiche Kalender sowie Illustrationen für
Verlage. Zudem ist sie Co-Grafikerin mehrerer Kinderbücher. Sie sagt:
>Bevor die Phantasie der Menschheit völlig ausstirbt, gebe ich ihr
meine preis.< Dieses Credo führte sie zur surrealen Collage, mit der
sie sich seit 15 Jahren fast ausschließlich befasst.
Hanna
Höch, John Heartfield und Max Ernst - die großen Collagisten der
zwanziger Jahre - sind ihr besonders nah. Wie diese Virtuosen erfindet
auch Olla Magnus ihre Bilder zunächst im Kopf und sucht danach passende
Bildelemente in der Realität. So entdeckt sie im Umgang mit gesammelten
visuellen Versatzstücken neue Wirklichkeiten und verbindet sie
fantasievoll zu hintergründigen Geschichten. >Von meinem
Großvater<, sagt sie, >habe ich die Liebe und Leidenschaften zu
meiner imaginären Welt.<
Hauptbestandteil ihrer Collagen als
Hommage an ihre Familie, >sind die Briefe meines Großvaters an meine
Großmutter Claire nach Darmstadt<. Einige dieser Schriftstücke
stammten aus der Zeit 1907 aus Moskau und Petersburg - über einen
Besuch am Zarenhof. Sie beinhalten Beschreibungen, wie Magnus sagt,
>von märchenhaftem Glanz< in Eis und Schnee, Fackeln, Wölfen,
Rasputin ... >Da Joseph Maria Olbrich kurz nach dieser Reise und
nach der Geburt meiner Mutter Marianne starb - waren diese Briefe ein
kleines Heiligtum für uns!<
Briefe von Joseph Maria Olbrich


Collagen von Olla Magnus






Eröffnungrede von Peter von Kornatzki
Meine Damen und Herren, liebe, verehrte Olla Magnus!
>Es war einmal ein kleines Mädchen, das eigentlich nicht viel anders war als andere Kinder in seinem Alter. Es spielte gern mit allen möglichen Dingen, fragte fast jedem ein Loch in den Bauch, erfand tolle Geschichten und kritzelte auch da und dort herum. Aber es spürte schon früh, daß es doch ein kleines bißchen anders war als die Mädchen und Jungs mit denen es spielte, phantasierte und sich manchen Streich ausdachte. Es konnte nämlich zwischen Traum und Wirklichkeit nur schwer unterscheiden.
Als das Mädchen 10 Jahre alt war starb der Vater, den es über alles lieb hatte. Von der Mutter dagegen fühlte es sich kaum verstanden und merkte schnell, daß die ihre jüngere Schwester viel lieber hatte. Sie wußte nicht warum und beschloß, von nun an den Vater für immer bei sich zu behalten. So lernte das kleine Mädchen früh zu träumen und sich so ihre ganz eigene Welt zu schaffen. Das fiel ihr nicht schwer, denn sie hatte eine starke Phantasie und große Freude . am Spiel mit allem was sie hörte, sah und sich merken konnte. Dabei half ganz besonders der Großvater, der seit jeher wie ein großer Magier über der Familie schwebte. Ihm hatte das kleine Mädchen jedoch niemals ganz nahe sein können, denn er war ebenso jung gestorben wie der Vater. Doch in der großen Stadt, in der es aufwuchs, ja nicht nur dort, sondern auch in anderen Städten und Ländern redeten alle von diesem Großvater.
Er muß wirklich ein Zauberer gewesen sein. Denn er vermochte aus Stein und Holz oder aus Silber und Gold Dinge zu machen, die noch keiner vor ihm so eigenwillig und schön gestaltet hatte. Das hatte ihn schon in ganz jungen Jahren so berühmt gemacht, daß er aus der Ferne in die Stadt geholt wurde, in der jetzt das Mädchen lebte. Es war ein junger Fürst, der auf ihn aufmerksam wurde und sich in all die schönen Dinge verliebte, die sich der Großvater ausdachte. (Vielleicht sogar ein kleines bißchen in ihn - das jedenfalls erzählten die Leute hinter vorgehaltener Hand!)
Dieser junge Fürst herrschte nicht nur über Stadt und Land, er war auch klug und hatte in anderen Ländern viele neue Ideen gesammelt. Deshalb wollte er, daß es den Menschen in seinem Land besser ging und sie sich ebenso für neue Gedanken und Dinge begeisterten wie er.
Der Großvater sollte ihm dabei helfen. Also bat er ihn, all das Wirklichkeit werden zu lassen, wovon der immer geträumt und sich schon ausgedacht hatte. Allen voran natürlich ein schönes neues Haus, das den Menschen zeigen sollte, wie sie vernünftiger bauen und wohnen können. Dazu ebenso auch die Gegenstände, die sie benötigen, um in einem solchen Haus besser und schöner leben zu können. In diesem Haus wohnte dann der Großvater zusammen mit der Großmutter und hier wurde auch die Mutter des kleinen Mädchens geboren.
Es war die schlimme Zeit nach einem großen Krieg, der ihre Stadt und das ganze Land verwüstete, als sich das Mädchen als junge Frau immer stärker an diese phantastischen Geschichten und schönen Dinge erinnerte. Sie bemerkte, daß sie dem Großvater innerlich sehr verbunden war und sich in seiner Welt der Formen und Farben aufgehoben fühlte. Doch sie wollte davon nicht bloß träumen, sondern einen ganz eigenen Weg in diese geheimnisvolle Welt finden, überraschend erlaubte die Mutter, die sonst sehr streng mit ihr umging, das Elternhaus zu verlassen und weit entfernt davon, an einer Schule der Schönen Künste, ihr Glück zu suchen. Dieser Schritt änderte von nun an ihr ganzes Leben. Denn dort fand sie endlich andere junge Menschen, die wie sie höchst neugierig waren und alles über Gestaltung wissen wollten. Hier begegnete sie vor allem Lehrern, die das Zeichnen förderten und dafür immer wieder den genauen Blick in die Wirklichkeit schärften. Sie öffneten aber auch die Augen für die phantastische Welt aller möglichen, meist übersehenden Materialien, aus denen sich ganz neue, überraschende Zeichenwelten gestalten ließen.
In dieser lebendigen, höchst anregenden neuen Welt spürt das Mädchen, daß es eine erwachsene Frau ist. Denn es fühlt sich jetzt zu einem jungen Mann hingezogen, der ihr merkwürdig bekannt vorkommt. Denn er sieht gut aus, hat immer wieder neue Einfälle, kann schnell und ganz phantasievoll zeichnen und ist sehr empfindsam - ein klein wenig so, wie sie sich schon immer den Großvater vorgestellt hat. Beide verstehen sich sofort, leben und arbeiten von nun an gemeinsam und verbünden sich schließlich für immer miteinander.
Um denen ganz nahe zu sein, die jetzt viel Arbeit für sie haben, zieht das Paar weit in den Süden des Landes. Dort gestalten sie gemeinsam all die verschiedenen gedruckten Dinge, mit denen sich Menschen untereinander verständigen oder unterhalten. Doch es sind besonders die Bücher für Kinder und große farbige Kalender, in denen die junge Frau ihrer Phantasie freien Lauf lassen und sich ihren Träumen in Farben, Formen und Linien ganz hingeben kann. Anfangs werden dazu noch eigene Zeichnungen und farbige Papierschnitte genutzt, mit denen sich Lesegeschichten ausschmücken oder sogar in Bildergeschichten verwandeln lassen. Doch dann erinnert sie sich daran, daß sie ja bereits als kleines Schulmädchen Strohhalme und Haare auf Papierstücke geklebt und sich dazu Geschichten ausgedacht hat. Auf ähnliche Weise entstehen plötzlich aus ganz gewöhnlichen Bildern, die zufällig auf den Tisch flattern, ganz neue ungewöhnliche Phantasiewelten. Dafür werden die kleinen und großen Fundstücke zerschnitten und einzelne Teile versuchsweise zu immer wieder anderen rätselhaften Bildformen zusammengefügt.
Jetzt war die Frau zufrieden und glücklich, endlich den Weg gefunden zu haben, den sie sich schon als junges Mädchen erhofft und gesucht hatte. Den Weg in eine eigenwillig gestaltete Bildwelt, in der sie ganz bei sich selbst ist. Ja sie ist so glücklich darüber, daß diese Gewißheit ihr sogar hilft, die große Leere und den Kummer zu überwinden, als auch ihr Mann ganz plötzlich und viel zu früh von ihr ging. Er war Richtschnur und Kompaß zugleich, ihr anderes Ich, und hatte ihre lebendige Phantasie stets bewundert. Sie wußte genau, daß er auch künftig an ihrer Seite wäre, wenn sie nur den eingeschlagenen Weg beharrlich weitergehen würde. Das tut sie auch, in immer mutigeren Schritten. Denn allmählich verzichtet sie öfter auf Bildelemente, die etwas Bestimmtes darstellen oder andeuten.
An ihre Stelle treten ganz einfache, völlig bedeutungslose Fundstücke aus der Alltagswelt, die sich allerdings zu erkennen geben sollen. Sie müssen Gebrauchsspuren zeigen, also möglichst beschädigt oder verschmutzt sein. Denn nicht eine Papiertüte, ein Stück Wellpappe, eine Folie oder ein Bindfaden allein fordert die Neugier des Betrachters solcher Fundstücke heraus. Erst wenn diese Gegenstände zerrissen, verklebt, verkleckert oder verwittert sind, offenbart sich zeichenhaft ihre jeweilige Geschichte. Und erst im Wechselspiel dieser Eindrücke entdeckt der Neugierige vielleicht die Eckpunkte einer ganz anderen Geschichte, die er sich selbst zu Ende erzählt.
Merkwürdigerweise führte dieser Weg in eine gegenstandslose Welt voller Gegenstände wieder zurück in die Kindheit und zu den Jahren voller Neugier. Da ist die Mutter, die sie immer "ein schwieriges Kind" genannt hat. Da ist der Vater, der sie oft sanft in den Arm nahm, ihr die Welt erklärt, aber sie doch so bald allein ließ. Da ist der weit entrückte und doch so nahe Großvater mit seinem unbändigen Gestaltungswillen. Da sind die vielen Höhenflüge und immer wieder ein jäher Absturz. Und da sind das kleine Mädchen mit seinen Fragen und die erfahrene Frau, die darauf noch immer keine Antwort weiß.
Auf der Suche nach ihren Wurzeln, nach dem, wer und was sie eigentlich ist, liest sie erneut die Briefe, die der Großvater vor über hundert Jahren an die Großmutter schrieb. Briefe aus fernen Ländern, voller Begeisterung für das, was er dort erleben und schaffen durfte. Aber immer auch voller Sehnsucht und Zärtlichkeit. Briefe in heute nur schwer lesbarer alter Schrift, in denen das Wort "Tee" noch mit "Th" geschrieben ist und die Großmutter noch mit "Weibi" vertraulich angesprochen wird. Plötzlich wird ihr klar, daß niemand sich selbst genau kennen und daß keiner seine Träume von der Wirklichkeit zu trennen vermag. Und daß selbst die Menschen, die einem ganz nahe stehen, die man also mag und zu kennen meint, vielleicht ganz anders sind. In dieser Gewißheit fühlt sie sich nun mit der Familie eins und versöhnt.
Als jetzt auch die jüngere Schwester stirbt, die stets vorgezogen und oft auch nicht gut zu ihr war, spürt sie nur große Trauer und eine tiefe Verbundenheit. Sie beschließt ihre neu gefundene Bildwelt tiefer zu erkunden und zu einer großen Bildgruppe auszubauen, die eng auf die Familie bezogen und ihr gewidmet ist. Wie in einem Rausch stürzt sie sich nun in die Arbeit und merkt, wie ihr die Ideen jetzt fast automatisch aus den Händen fließen. Und wie ihr beim Suchen und Finden, Zerschneiden und Zurechtrücken immer deutlicher die Familie begegnet. Diese enge Zwiesprache mit den Menschen, die ihr jetzt viel näher stehen als jemals zuvor, wird auch noch dauern, wenn die Bildgruppe, die sie ihnen ans Herz legt, vielleicht doch irgendwann einmal abgeschlossen ist.
Wie es weitergeht, weiß unser kleines Mädchen von einst noch nicht so genau. Nur, daß sie schon glänze, verbeulte oder verschmutzte Radkappen von Dingen, die heute 'Auto' heißen, an den Rändern aller Straßen sammelt. Und daß auch die ihr dabei helfen werden, die Träume mit der Wirklichkeit zu versöhnen.<
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